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I.                  Der Umzug nach Shanghai – ein „kritisches Lebensereignis“

Artikelreihe von Frieder Demmer fĂŒr das Cluborgan des Deutschen Club Shanghai. (Link fĂŒhrt zur pdf-Version) 

Im ersten Hinsehen wirkt der Titel „Der Umzug nach Shanghai – ein „kritisches Lebensereignis““ein wenig abschreckend: Kritisches Lebensereignis! Das klingt gefĂ€hrlich und unangenehm. Was verbirgt sich wirklich dahinter?

 Seit Ende der sechziger Jahre gibt es einen wachsenden Zweig der Psychologie, der sich mit dem PhĂ€nomen beschĂ€ftigt, dass Ereignisse die unser Leben grundlegend verĂ€ndern fast immer außerordentlich belastend sind – egal wie „reif“ oder „psychisch gesund“ wir selber sind und fast egal wie positiv oder negativ das Ereignis ist. DafĂŒr wurde der Begriff „kritische Lebensereignisse“ eingefĂŒhrt.

 Ein gutes Beispiel fĂŒr die neue Denkrichtung des Ansatzes der kritischen Lebensereignisses ist die Hochzeit: obwohl sie in der Regel ein erwĂŒnschtes und freudiges Ereignis ist, wird kaum jemand behaupten können, dass die Hochzeit als solche spurlos an ihm/ihr vorĂŒber gegangen sei. Hochzeit ist immer auch Stress.

 Wichtigste daran anschließende Erkenntnis der Life-Event-Forscher (und in Deutschland mit Frau Professor Filipp fĂŒhrend einer Forscherin) war, dass kritische Lebensereignisse auf Grund der auftretenden Belastung eine deutliche Erhöhung gesundheitlicher Risiken, im psychischen wie im physischen Sinne mit sich bringen: Überlegen Sie einfach mal wie viele Menschen Sie kennen, die kurz vor oder kurz nach ihrer Hochzeit mehr oder minder schwere Erkrankungen mitgemacht haben – sollten einige sein.

 Ich habe jahrelang als Diplom-PĂ€dagoge im Rahmen der beruflichen Rehabilitation gearbeitet, bei einem privaten Institut, dass Menschen im Auftrag der öffentlichen Hand und von Versicherungen unterstĂŒtzt hat, nach schwerer Erkrankung oder UnfĂ€llen neue LebensentwĂŒrfe aufzubauen und umzusetzen. Auch dabei ging es um die Verarbeitung (massivst) kritischer Lebensereignisse und es zeigte sich, dass das auslösende Ereignis in der Regel stets gefolgt wird von einer Kette mehr oder minder gravierender Folgeprobleme in unterschiedlichsten Lebensbereichen, die Theorie bestĂ€tigte sich nachhaltig.

 (Fast) alle, die dieses lesen, haben schon oder werden am eigenen Leib erfahren, dass der Umzug nach Shanghai wirklich grundlegend in aber auch alle Lebensbereiche eingreift. Damit ist er ein „kritisches Lebensereignis“ par excellence – und im Vorgriff sei schon gesagt, die RĂŒckkehr nach Deutschland knĂŒpft daran nahtlos an.

 MĂŒssen Sie sich jetzt Sorgen machen? Nein, denn wir sind diesem Ereignis nicht wehrlos ausgeliefert. In verschiedenen Studien hat sich ein  „idealtypischer“ Verlauf der Eingewöhnung in ein „kritisch“ verĂ€ndertes Umfeld gezeigt, der einem hilft bewusst und vorbereitet damit umzugehen. Wer das tut, erkennt schneller und nachhaltiger die unglaubliche Bereicherung, die ein Auslandsaufenthalt bietet.

 

Der Start - endlich da!!!

 Der Start in die neue Heimat ist meistens recht motivierend: Direkt nach der Ankunft entwickelt sich relativ schnell ein kurzes „Endlich-da“-Hoch!

 

Reality Bites!

 Das wird aber fast noch schneller von den eher schwierigen RealitĂ€ten des ersten Alltags ein- und ĂŒberholt: Reality bites... – die Wirklichkeit beißt zu und je nach GlĂŒck oder UnglĂŒck ziemlich heftig: Wohnung, Essen, Verkehr, Handwerker – mehr muss da eigentlich gar nicht gesagt werden. Gerne wird hier auch der Ausdruck „Kultur-Schock“ verwendet (dazu spĂ€ter mehr)

 

Here I go again... .

 Unter dem Druck dieser ersten mehr oder minder deutlichen Krise (Wut, Frust) werden große Anstrengungen unternommen, die Situation zu verbessern: Man beginnt die Sprache zu lernen, sucht sich einen chinesischen Ansprechpartner, bevorzugte GeschĂ€fte, Ruhepunkte etc. – in der Regel mit dem Erfolg einer zweiten Hochphase: „Es geht ja!“. Genau in diesem Sinne wird die „Krise“ im Chinesischen ĂŒbrigens sehr passend als „gefĂ€hrliche Gelegenheit“ bezeichnet, als zugegeben erst einmal unangenehme, bedrohliche Situation, die einen aber dann „zu neuen Höhen“ fĂŒhren kann.

 

Die Krise aus dem Rucksack

 Aber wieder ist die Freude vorĂŒbergehend: In der Literatur leider nur zum Teil ausdrĂŒcklich behandelt, schließt sich an dieses Eingewöhnungshoch leider manchmal eine weitere, klar wahrnehmbare Krise an. Vor dem Hintergrund der durch die Hochstimmung wieder gestĂ€rkten AbwehrkrĂ€fte tauchen (irgendwo so um den sechsten Aufenthaltsmonat herum) gerne alte, heimische, ĂŒberwunden geglaubte Probleme wieder auf, die unsere Psyche offensichtlich unter dem Druck der Ă€ußeren Ereignisse einfach nur „hinten angestellt hatte“: „Ooh – da war ja noch... .“ Ich nenne das die „Rucksackkrise“ - die hat man schon von zu Hause mit gebracht.

 

GrundsĂ€tzlich bleibt diesbezĂŒglich schon hier festzuhalten, dass sich fast kein zu Hause bestehendes Problem durch einen Auslandsumzug löst, vielmehr eher neue hinzu kommen (Ausnahmen bestĂ€tigen die Regel)! Manche Probleme verschwinden zeitweilig, aber sie werden eben nicht gelöst.Im Modell (Abb. 2) elegant und einfach als zwei große Ab- und wieder AufschwĂŒnge dargestellt, spielt sich die Eingewöhnung im persönlichen Empfinden meist eher als mehr oder minder ausgeprĂ€gte Folge teils sehr kurzzeitiger Schwankungen ab (Abb. 1), bei denen die Ursachen nicht immer eindeutig erkennbar sind, da wir zuweilen mit Verzögerung reagieren:

Einen Tag geht es Ihnen ganz gut, am nĂ€chsten Tag  – wenn der Partner mal wieder (n)irgendwo ist, die Sicherung schmorend durchbrennt und man vergessen hat Trinkwasser zu bestellen oder auf der Seite des arbeitenden Parts, wenn mal wieder nichts von dem gemacht wurde, was am Vortag besprochen wurde, der Zulieferer zum dritten Mal den Termin nicht eingehalten hat und im Headquarter Freitags um 17:00 niemand mehr zu erreichen ist - ĂŒberfĂ€llt einen wieder dieses: „Was mach ich hier eigentlich?“ – GefĂŒhl. Und „was mach ich hier eigentlich“ ist tatsĂ€chlich eine der Kern-Fragen des ganzen Prozesses. „When you’re in Rome, do as the Romains do“ – verbringen Sie viel Zeit damit zu verstehen, was Chinesen wann und warum machen: Die haben meistens ihre GrĂŒnde ;-).

 

Speziell wir Deutschen mit unserem stark auf Ausgeglichenheit und Ruhe zielenden Persönlichkeitsideal tun uns mit der angedeuteten Wechselhaftigkeit der Eingewöhnung teils sehr schwer. Ich selbst muss zugeben, zwischenzeitlich sehr irritiert gewesen zu sein, wie tief mich der Wechsel der Heimat mit dem zunĂ€chst völligem Ausstieg aus dem Beruf hinein in die vor dem Einstieg in die SelbstĂ€ndigkeit reine HausmannstĂ€tigkeit berĂŒhrte – wenn man selbst  arbeitet, kann man sich schwer vorstellen, wie verloren man sich ohne Arbeit in Shanghai fĂŒhlen kann!

 

Alles im Lot - oder doch nicht?

 Es geht ja bekanntlich alles vorĂŒber: Irgendwann kehrt dann endlich so etwas wie Ruhe und Routine ein – und schon offenbart sich gemeiner Weise eine letzte TĂŒcke:

 Die sich an die bis jetzt geschilderte, sehr wechselhaften Phasen anschließende Abflachung der Ereignisse, das Einkehren von Routine und NormalitĂ€t, ist zwar eigentlich normal und erwĂŒnscht, erscheint vor dem Hintergrund des Erlebten aber zunĂ€chst als wirklich erschreckend „flach“ und „langweilig“. „Passiert ja gar nichts mehr“. Man spricht wegen dieses, die tatsĂ€chliche Problematik ĂŒberhöhenden Gegensatzeffektes auch von „posttraumatischen Krisen“:

 Man fĂŒhlt sich gelangweilt, gereizt, unterfordert – obwohl eigentlich alles in Ordnung ist.

 Diese ErnĂŒchterung gilt es noch zu bewĂ€ltigen und dann ist man da, endlich wirklich da. Je nach Naturell und Ă€ußeren Bedingungen ist das irgendwann 8-12 Monate nach der Ankunft. Und das ist schon eine sehr alte Erkenntnis, dass, um an einem Ort heimisch zu werden, man in der Regel einmal den Lauf der Jahreszeiten erlebt haben muss – und noch ein weiteres Mal um richtig Wurzeln zu schlagen... .

 Wenn Sie den Eindruck haben, in einer der beschriebenen Phasen hĂ€ngen zu bleiben, wenn einer der beschriebenen ZustĂ€nde in unangenehmer Art und Weise unverĂ€ndert bestehen bleibt, dann empfehle ich auch einmal externe Beratung hinzu zu ziehen – von Anfang an sollten Sie in jedem fall aktiv Kontakt suchen: Auslandscommunities sind in aller Regel kontaktfreudig  und hilfsbereit, wenn auch selten sehr tiefe Freundschaften entstehen.

 Soviel zur EinfĂŒhrung.

 

II. Kognition/Attribution/Reframing

Lernen, sich und seine Umwelt angemessen wahr zu nehmen

 Im ersten Abschnitt ging es um eine allgemeine Beschreibung der Eingewöhnung in eine vollkommen verĂ€nderte Umwelt. Die entscheidende Erkenntnis in der Beobachtung dieser Prozesse war, dass wir dabei mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit Krisen oder zumindest krisenĂ€hnliche ZustĂ€nde erleben und dementsprechend bei deren Auftauchen zunĂ€chst Ruhe bewahren sollten – da muss man/frau durch – und im Ergebnis kommt man zu einem erweiterten Wahrnehmen, hat wirklich etwas fĂŒr sein Leben dazu gewonnen.

 Hier soll nun etwas genauer beschrieben werden, was insbesondere das erste Tief im idealtypischen Eingewöhnungs-Modell ausmacht. Durch was muss ich da eigentlich durch?

 Der aus Berlin in die USA emigrierte Kurt Lewin hat mit ganzheitlicheren, sozialpsychologischen Überlegungen und Experimenten („Gestaltpsychologie“) dereinst das Fundament fĂŒr die psychologischen Hauptströmungen der 60er-80er Jahre gelegt, die sogenannten „kognitivistischen AnsĂ€tze“. 

 

Jeder sieht seine eigene Welt

 Kognitivistische AnsĂ€tze suchen die Lösung fĂŒr die Besonderheiten menschlichen Erlebens in der Arbeitsweise des menschlichen Gehirns, bzw. gesamten Nervensystems. Es wird davon ausgegangen, dass wir mittels unseres Gehirns in der Lage sind, sinnliche Reize (alles was wir sehen, schmecken, fĂŒhlen, riechen) je nach Vorerfahrungen in außerordentlich individueller Art und Weise mit unterschiedlichen „Bedeutungen“ zu verknĂŒpfen. Eine solche VerknĂŒpfung wird als „Attribution“, teilweise auch „Attribuierung“, bezeichnet.

 Mit dieser Idee der Attribution als sehr dynamischer Mischung aus körperlicher Reizaufnahme und erfahrungsabhĂ€ngiger Interpretation gelang der so lange fehlende BrĂŒckenschlag von den platten Mechaniken der naturwissenschaftlich denkenden „Behaviouristen“ (Verhaltenswissenschaftlern) zu den zwar hĂ€ufig faszinierend lebensnahen, aber zuweilen nicht schlĂŒssig zu Ende gedachten Triebmodellen der Tiefenpsychologen (in der Nachfolge Freuds). 

 

Um schneller zu werden folgt unsere Wahrnehmung Mustern

 Wie sieht der BrĂŒckenschlag der „Attribution“ nun aus? Ganz im Sinne naturwissenschaftlicher Reiz-Reaktions-Schemata empfinden wir z.B. gestreichelt werden meistens als angenehm, als Zuwendung von WĂ€rme – aber eben doch nicht immer und schon gar nicht von jedem! Streicheln kann völlig andere Bedeutungen bekommen: Störung, Respektlosigkeit, Besitzanspruch, Zudringlichkeit oder gar Bedrohung. Ganz abhĂ€ngig davon, wer sich uns wie und wann nĂ€hert, entscheiden wir (meistens unbewusst) sofort, warum er/sie das tut und danach richtet sich auch unser damit verbundenes GefĂŒhl. Rein mechanisch betrachtet nur ein Ereignis – aber unterschiedlichste Interpretationen.

 

Was hat das mit unserem Thema „Ankommen“ zu tun?

 Wir alle verbinden im Verlauf unseres Lebens unvorstellbare Informationsmengen zu sehr komplexen Attributionsmustern. Auf Grund solcher Muster macht es fĂŒr uns einen so deutlichen Unterschied, ob ein großer junger Mann mit Glatze entweder Sandalen, eine braune Kutte und einen Rosenkranz trĂ€gt oder Springerstiefel, Fliegerjacke und einen BaseballschlĂ€ger.

Attributionsmuster helfen uns, sehr viele Informationen in sehr kurzer Zeit ohne großes Überlegen einordnen zu können. Alles Gewohnte/Bekannte wird ĂŒber diese Muster ohne merklichen Aufwand verarbeitet und so entsteht Freiraum, um das Besondere auch besonders wahr zu nehmen und besonders reagieren zu können. Eine entscheidende Basis der besonderen AnpassungsfĂ€higkeit des Menschen.

 

Was passiert, wenn es plötzlich mehr Neues als Gewohntes gibt?

 Dann ist genau der Punkt erreicht, wo es „kritisch“ wird. Dann sind wir im Thema. Denn Attributionsmuster sind stark verinnerlicht, wie verinnerlicht, wird Ihnen sehr eindrucksvoll am ersten Tag in einer Umgebung mit Linksverkehr (z.B. Hongkong) vor Augen gefĂŒhrt. Plötzlich mĂŒssen Sie sich richtig konzentrieren, um sicher auch nur ĂŒber die kleinste Straße zu kommen, weil entgegen Ihrer attribuierten Erwartung: „Vorsicht Straße, das erste Auto kommt von links.“, es tatsĂ€chlich von rechts kommt. Jede Straße, jeder Autofahrer wird plötzlich gefĂ€hrlich. Shanghai hat zwar keinen Linksverkehr – aber seien wir ehrlich: der hier praktizierte Rechtsverkehr macht die Sache nicht entscheidend einfacher. Eine AlltĂ€glichkeit wird so zur Belastung und eine Vielzahl genau vergleichbarer Anstrengungen rund um Alltagskram (Klopapier nicht in die Toilette werfen, sonst flutet es, aber ich kann das doch nicht wirklich in diesen MĂŒlleimer tun...) rauben Ihnen unmittelbar nach der Ankunft in einem fremden Land betrĂ€chtliche Mengen an Energie.

 

Willkommen in Andersland

 Beim Wechsel in einen anderen Kulturraum werden gewohnte Attributionsmuster gleichzeitig in sehr vielen Bereichen durcheinander gewirbelt: Sitten und GebrĂ€uche, Essen, Kleidung, Wohnen, Fortbewegung – ALLES kommt in Bewegung.

So mögen Sie, frisch aus Deutschland kommend, in Shanghai einen Radfahrer auf sich zu kommen sehen und gelassen denken: „Soll er bremsen!“, um postwendend: „Astloch!“ rufend, in irgend eine rettende LĂŒcke zu hechten. Oder: Im Supermarkt will Sie ein freundlicher Herr ohne Vorzeigen des Kassen-Bon einfach nicht raus oder schlimmer noch, der Guard im Compound ohne Namecard nicht mehr reinlassen: „Wichtigtuer!“. Kleinigkeiten, die sich aber summieren. Ihr Weltbild mag die Vorstellung beinhaltet haben, dass man fremden Menschen ebenso wenig laut rĂ€uspernd vor die FĂŒĂŸe, wie unerwĂŒnschte Essenreste einfach auf den Tisch spuckt – IHR PROBLEM! Noch offensichtlicher wird das Ausmaß des Einschnittes in das VerstĂ€ndnis Ihrer Umwelt bei den Themen Sprache und Schrift. Mit dem Umzug nach China gehen den meisten „Westlern“ mit einem Schlag zwei der wichtigsten Informationswege fast komplett verloren: Sie können weder lesen, noch sich unkompliziert mit Menschen auf der Straße verstĂ€ndigen. Und das schrĂ€nkt die Möglichkeiten zur reibungslosen Anpassung und Orientierung in einer 16-Millionen-Stadt wirklich sehr nachhaltig ein. Dinge die sie frĂŒher im Vorbeigehen erledigt haben dauern plötzlich einen ganzen Tag.

 Kurz: Die Summe des Kleinkrams ist das vielleicht meistunterschĂ€tzte Problem in der Eingewöhnung. Das ganz alltĂ€gliche Leben wird zeitweise tatsĂ€chlich um ein vielfaches, wirklich um ein VIELFACHES anstrengender (dadurch im Positiven aber auch aufregender ;-). Das trifft berufstĂ€tige wie mitreisende Partner ĂŒbrigens in anderer Art und Weise, aber mit sehr vergleichbarer HĂ€rte. Kaum jemand will das vorher wahr haben, weil man ist ja so dynamisch und erfolgreich – aber meistens ist es dann doch genau so!

 Die erste Eingewöhnungskrise (der Ausdruck „Kulturschock“ scheint mir als Begriff eher passend, wenn man als Backpacker wirklich in medias res geworfen wird, Shanghai ist dagegen „China mit Airbag“) wird dadurch ausgelöst, dass wir uns in fortlaufenden BemĂŒhungen aufreiben, eine völlig verĂ€nderte Welt in ein ĂŒber Jahrzehnte ge(ver)festigtes Weltbild einzuordnen.

 Bösartigst ĂŒberspitzt wĂ€hnen wir uns in den ersten Wochen umgeben von Unmengen wahnsinniger Autofahrer, taktloser RĂŒpel, blicken in Restaurants in denen spuckende SchlinghĂ€lse HĂŒhnerfĂŒĂŸe essen und auf der Arbeit können wir gar nicht so schnell schauen wie wechselseitig Gesichter verloren werden – wie gesagt: bösartigst ĂŒberspitzt.

 Erschwerend kann hinzukommen, dass bei der Ankunft unser gewohnter Hausstand, noch irgendwo in Containern auf den sieben Weltmeeren irrfĂ€hrt. DiesbezĂŒglich sollten Sie im HandgepĂ€ck wenn möglich ein zwei echte „Heimatanker“ mitnehmen: ein besonderes kleines Bild, ein besonderes Buch, ein Kuscheltier, ein spezielles KleidungsstĂŒck, Dinge, ĂŒber die sie schon beim Anblick freuen, die ihnen im wahrsten Sinne der Wortes ein gutes GefĂŒhl geben.

 

Auch anders sein, kann Sinn machen

 Man sieht es kann mal holpern, aber das legt sich: Nach einer gewissen Eingewöhnung sollten wir in der Lage sein, in den meisten der genannten Zeitgenossen und Situationen das zu erkennen, was sie in aller Regel sind: Alltag, ganz normale Mitmenschen, die grundsĂ€tzlich freundlich und weder mit der Absicht uns zu beleidigen noch zu erschrecken ihr Leben nach den hiesigen Regeln leben.

 Irgendwann werden Sie z.B. die Chance haben, die TĂŒcken chinesischer Felgenbremsen selber zu erfahren, akzeptieren den leidlichen Diebstahlschutz im Supermarkt und freuen sich, wenn nicht jeder jederzeit in den Compound marschieren kann. Man muss nicht alle Regeln ĂŒbernehmen, alles irgendwann toll finden, aber man sollte immer davon ausgehen, nicht von völligen Idioten umgeben zu sein. Wie fremd auch immer uns etwas erscheint, es könnte ja auch einfach Sinn machen.  Wir mĂŒssen nur lernen unsere Lebenswelt neu und angemessen zu bewerten!

 Im Umfeld systemischer AnsĂ€tze wird die in diesem Stadium notwendige Neuorientierung sehr passend als „Reframing“ bezeichnet „Neurahmung“: Man muss die eigenen Wahrnehmungen in einen neuen, passenderen Zusammenhang bringen, in einen neuen Rahmen einpassen. Der Spucker gehört nicht in unser Bild „RĂŒpel und andere unverschĂ€mte Patrone“ sondern in das chinesische Bild „alltĂ€gliche Körperpflege“ – so schwer das vorstellbar ist (ich persönlich gebe mich da keinen Illusionen hin: Ich werde „chuuuuaarg - pfk“  nie wirklich angenehm finden, ABER: Ich empfinde es zumindest nicht mehr als persönlichen Angriff - und es ist zudem ja stark im Abnehmen begriffen).

 

Herausforderungen fĂŒr Kinder und Jugendliche

 Der Ansatz des „Reframing“ macht auch deutlich, warum ein Auslandsumzug gerade fĂŒr Jugendliche so kritisch sein kann: In einer Phase in der man eigentlich den Rahmen der einem bekannten Gesellschaft auslotet, sich seine Sichtweisen sucht, ausprobiert, wo in diesem Rahmen man eigentlich selber steht, wird genau dieser Rahmen entfernt. Wenn „wir Erwachsene“ schon Probleme mit unserem SelbstverstĂ€ndnis bekommen – wie soll es da erst dem/der Jugendlichen gehen? Gleichzeitig, da Jugendliche eh auf der Suche sind, kann es aber sein, dass Jugendliche sich an viele UmstĂ€nde sehr schnell gewöhnen und enorme Lernkurven zeigen, weit ĂŒber den uns’rigen – KANN... . Nehmen Sie sich im Ausland unbedingt ausreichend Zeit fĂŒr Ihre Kinder – diese Zeit wird gebraucht!!

 Kleiner Exkurs: Mit Klein- und Kleinstkindern können Sie in Shanghai ĂŒber teilweise sehr kinderfreundliche Wohnanlagen und Hausangestellte ein Maß an Lebenskomfort erreichen, dass weit ĂŒber den Möglichkeiten in Deutschland liegt. Ein Brennpunkt bleibt jedoch die gesundheitliche Versorgung. Beim Deutschen Club finden Sie immer Ansprechpartner, die bestens ĂŒber die diesbezĂŒglichen, aktuellen Angebote fĂŒr junge Familien informiert sind. Hier werden auch Krabbelgruppen etc. organisiert.

 

Meet the people!

 Der Exkurs fĂŒhrt zum nĂ€chsten Punkt: Wichtigste Hilfe beim Start sind wie schon erwĂ€hnt Menschen vor Ort, wenn möglich erfahrene, mit denen man einfach reden kann. Weiterhin hilfreich, um nicht zu sagen notwendig, ist viel eigener Mut, so oft wie es nur irgendwie geht (und ertrĂ€glich ist!) den Elfenbeinturm zu verlassen und sich ins Alltags-GewĂŒhl zu stĂŒrzen. Jeder Tag „Urban Jungle“ bringt Ihnen wertvolle neue Erfahrungen. Der wechselseitige Austausch in allen Arten von Interessen-Gemeinschaften wie Expat-Clubs, Sportclubs, Spielrunden oder Gemeinde kann weitere wertvolle UnterstĂŒtzung bieten. Die EindrĂŒcke vieler Augen und Ohren helfen Ihnen, wesentlich schneller angemessenere Bilder zur Erfassung Ihrer neuen Umgebung zu entwickeln: neue Attributionsmuster. Je fremder ihnen Shanghai scheint, desto intensiver sollten Sie sich umschauen. Je weiter Sie sich zurĂŒck ziehen, desto „gefangener“ werden Sie sich vorkommen – gefangen im goldenen KĂ€fig. Das sollte Sie erst gar nicht zulassen. Der allgemeine Dreischritt heißt: Wahrnehmen, verstehen, handeln. Erst schauen, dann versuchen, das Gesehene wirklich zu verstehen und dann erst handeln. In der Anfangsphase bringt das mit sich, dass man viel mehr fragt, als sagt – eine Verhaltenseigenschaft, die auch bei erfolgreichen Managern nachgewiesen werden kann: Sie fragen so lange, bis sie ein so klares Bild haben, dass sie eigene Standpunkte ernstzunehmend kompetent und wirklich mit Überzeugung und AutoritĂ€t vertreten können.

 Eines muss dabei klar sein: Reisen verĂ€ndert. Sie werden in China definitiv nicht einfach leben können wie zuvor und manches wird bis zum Schluss befremdlich bleiben. Lassen Sie sich aber immer die Möglichkeit offen, dass die meisten dieser Dinge nicht Angriffe auf Ihre Person sind, sondern wenn Sie hier – eben in diesem Rahmen – leben, aus irgend einem Grund einfach normal und sinnvoll. Wenn Sie irgendetwas letztlich wirklich gar nicht verstehen, nicht einordnen, nicht mehr mit anschauen können, dann reagieren Sie schlicht aus Ihrem ganz persönlichen Bauch heraus. Manchmal muss das einfach sein. Das erleichtert und kommt meistens am ĂŒberzeugendsten. Ein Shanghai“veteran“ sagte bezĂŒglich eines persönlichen Ausbruchs sehr passend: „Da habe ich wohl wieder tausend Gesichter verloren – aber als EuropĂ€er hatte ich eh von vorne herein keines... ;-).“

 In diesem Sinne viel Mut, Spaß und viele interessante Entdeckungen.

 

 

III. BedĂŒrfnisse -  SĂŒchte und Gefahren fĂŒr die Partnerschaft

 Als ich begann,  diesen dritten Teil zu schreiben, war ich kurz an einen Punkt, an dem ich dachte: „Noch immer Probleme – dabei geht es vielen doch wirklich gut in Shanghai!“ Aber dann dachte ich auch wieder: „Jetzt nicht kneifen, es fehlen noch wichtige, wenn nicht die wichtigsten Punkte und ĂŒber Probleme zu sprechen oder zu schreiben bedeutet ja noch lange nicht, dass sie jeder haben muss! J“

 In diesem Sinne versuche noch in diesen und im nĂ€chsten Teil solche Punkte zusammen zu fassen, durch die Ihr Wohlbefinden in Shanghai nachhaltig in Frage gestellt werden kann.

 Mit dem Themenbereich: „BedĂŒrfnisse und Motivation“ begeben wir uns nach der „theoretischen Einkreisung“ in den Kern des Themas „Umzug nach Shanghai als kritisches Lebensereignis“ und werden dabei mit Sucht und partnerschaftlichen Problemen auch zu den vielleicht gravierendsten Problematiken kommen, bevor es dann in einer Art „positiven Wendung“ stĂ€rker um die „Motivation“ geht, um Ziele und Selbstorganisation.

 Kritische Lebensereignisse tragen ein nicht zu unterschĂ€tzendes Suchtrisiko in sich. SĂŒchte entstehen hĂ€ufig im Zusammenhang mit unbefriedigten BedĂŒrfnissen. Eine besondere Rolle spielt dabei das Wechselspiel der BedĂŒrfnisse nach Sicherheit und VerĂ€nderung.

                   In Shanghai kann gerade in der Anfangszeit fĂŒr die „begleitende Seite“ eine Situation entstehen, in der die eigene Wohnung zwar als einzig halbwegs sicherer, vertrauter Raum erscheint, der stĂ€ndige Aufenthalt in der Wohnung (mit Ayi, Fahrer und GĂ€rtner und ohne Partner) aber gleichzeitig absolut nervtötend ist. FĂŒr den berufstĂ€tigen Partner kann dagegen die Kluft zwischen GestaltungswĂŒnschen und realen Gestaltungsmöglichkeiten im neuen TĂ€tigkeitsfeld zur nervenaufreibenden Falle werden.

 Vier SĂŒchte sind hier die klassischen „Lösungen“: Alkohol (die absolute Nr. 1), Einkaufen, Essen und vielleicht ĂŒberraschend, aber in vielen FĂ€llen leider auch in dieser Reihe ein zu ordnen: „Freundinnen“. Alle werde ich kurz unter dem „Sicherheits-VerĂ€nderungs“-Aspekt anschneiden, was kĂŒhl-distanziert erscheinen mag und das Thema – das sei nachdrĂŒcklich betont - beileibe nicht erschöpft. Aber die Kernproblematiken der angesprochenen SĂŒchte werden so am deutlichsten.

 

Alkohol

 Alkohol (da gehört Sekt ĂŒbrigens auch dazu...;-)) bringt Sicherheit, indem er sehr zuverlĂ€ssig in den Rausch fĂŒhrt – und (selbst) der (leichte) Rausch wiederum eine scheinbare VerĂ€nderung der Umwelt bringt. Man denkt, es tĂ€te sich was - oder vergisst zumindest, dass sich nichts tut. Weil das Erlebnismuster der Droge Alkohol so gut passt und Alkohol ja auch in China reichlich und leicht zu bekommen ist, sind die Betroffenen dringlichst auf passende, d.h. deutliche und kritische RĂŒckmeldungen von Freunden und Familie angewiesen: „Du, pass auf, das wird allmĂ€hlich zu viel.“

Erst durch solche, echte Konfrontationen durch Personen die einem wichtig sind, wird in der Regel die TĂŒr zum Entschluss geöffnet, alleine oder mit professioneller Beratung der Gefahr der Sucht entgegen zu treten. Es sei hier nur erwĂ€hnt, dass Shanghai einen florierenden Markt mit annĂ€hernd allen gĂ€ngigen Rauschdrogen bietet. Das heißt, diesbezĂŒgliche GefĂ€hrdungen sind höchst wachsam zu verfolgen, auch wegen der höchst schwierigen Rechtslage! DiesbezĂŒglich steht der Autor – wie natĂŒrlich auch bei allen anderen AnlĂ€ssen - streng vertraulich behandelte RĂŒckfragen jederzeit zur VerfĂŒgung – mittlerweile sind aber glĂŒcklicher Weise verschiedene weitere deutschsprachige BeraterInnen stĂ€ndig vor Ort.

 

 â€žHit the Mall Honey“

 Einkaufen ist als Sucht in der Regel weniger fatal als Alkohol oder andere Drogen, zumal unter den in Shanghai bestehenden Einkommensbedingungen – aber es ist, als wĂŒrde jemand stĂ€ndig vor sich hin murmeln: „Und siehst Du, es lohnt sich doch hier zu sein.“, ein frĂŒhes und dabei noch relativ harmloses Signal, dass jemand letztlich unglĂŒcklich ist. 

Beratungsbedarf im engeren Sinne entsteht hier erst, wenn tatsĂ€chlich soziale Kontakte beeintrĂ€chtigt werden (es gibt keine anderen GespĂ€chsthemen mehr), wenn rein alltagsorganisatorische Probleme auftauchen (wohin mit dem Zeug) oder irgendwann der bestehende finanzielle Rahmen doch durchbrochen wird. Davor ist aber vielleicht schon mal Gelegenheit fĂŒr sich selbst inne zu halten und zu fragen: „Was fehlt mir eigentlich wirklich?“ – meistens sinnvolle AktivitĂ€ten. Hier hat sich das Angebot in Shanghai in den letzten Jahren vervielfacht: Vom Sport, ĂŒber Kultur bis zu karitativen Projekten oder aber auch Stammtischen etc.. Der „goldene KĂ€fig“ Shanghai öffnet seine TĂŒren immer weiter ;-).

 

Essstörungen

 Unmittelbar und ausgesprochen ernst zu nehmen sind ErnĂ€hrungs- und Essstörungen. Hier, das sei betont, besteht, wenn Ihnen bei Bekannten, Freunden und insbesondere bei Kindern ErnĂ€hrungsunregelmĂ€ĂŸigkeiten bis hin zur Essenverweigerung oder auch „Fresssucht“ auffallen, umgehender Handlungsbedarf!

Essstörungen sind hochgefĂ€hrlich – gehören tatsĂ€chlich zu den absolut problematischsten Suchterscheinungen - und die Behandlung kann ein sehr langwieriger und zĂ€her Prozess sein, bzw. ist es leider in aller Regel! Scheinbare Teilerfolge sind hĂ€ufig weit weg von einer wirklichen Problemlösung. Nochmals: hier besteht wirklich Handlungsbedarf! Suchen Sie unbedingt Kontakt zu professioneller UnterstĂŒtzung.

 

Shanghai Baby...

 Kommen wir zum heikelsten Thema – insbesondere, wenn ich als Mann es hier aufnehme. Andererseits wĂ€re es ignorant, ĂŒber Auslandsprobleme zu sprechen und ausgerechnet darĂŒber nicht.

 ZunĂ€chst einmal stellt der Schritt ins Ausland fĂŒr sich genommen schon eine PrĂŒfung fĂŒr jede Partnerschaft dar – ich habe bisher kein Paar getroffen, das nicht berichtete, dass irgendwann wĂ€hrend des Auslandaufenthaltes ungewohnt hohe, wenn nicht grenzwertige Spannungen aufkamen. Meine Frau und ich bildeten hier keine Ausnahme. Gleichzeitig kann die Partnerschaft darĂŒber entscheidend bereichert, erweitert und gefestigt werden. Auch dieses können wir nachhaltig bestĂ€tigen.

 Die wohl unerfreulichste und am zunĂ€chst ganz sicher nicht „festigende“ Spannungssituation ist jedoch,  wenn dritte Personen in Spiel kommen – in der Regel Freundinnen, aber die Möglichkeit von Hausfreunden sei hier ausdrĂŒcklich nicht ausgeschlossen! Dazu vorweg:  „Untreue“ im rein körperlichen Sinne habe ich als Beziehungsthema in meiner Arbeit in Deutschland von beiden Seiten und in allen nur denkbaren Arten von Beziehungen erlebt. Es gibt keinen Patentschutz, aber  - und das ist wichtig - es ist auch nicht (tatsĂ€chlich eher selten) das automatische Ende einer Partnerschaft.

 Das Thema steht hier unter SĂŒchten. Warum? Unter den hier schwerpunktmĂ€ĂŸig betrachteten Rahmenbedingungen von Sucht, geht es gerade bei MĂ€nnern um eine direkte VerknĂŒpfung der beiden Hauptaspekte:

Wenn ich mit Sicherheit VerĂ€nderung herbei fĂŒhren kann, dann nennt sich das schlicht: MACHT. Und das ist etwas, was im Umfeld von FĂŒhrungspersonen in aller Regel eine große Rolle spielt: „Ich kriege, was ich will!“ Filme wie „Citizen Kane“ oder „Once Upon a Time In America“ verdichten diese Problematik – auch und gerade im Hinblick auf Beziehung - perfekt.

 Die „Freundin“/Der „Freund“ ist in diesem Machtspiel in der Regel vollkommen austauschbar, bietet in aller Regel keinerlei ernstzunehmende Alternative zur bestehenden Partnerschaft. Er/Sie ist eben die VerĂ€nderung, eine aufregende ErgĂ€nzung und u.a. deswegen so attraktiv, weil sie/er sich eben nicht mit all dem lĂ€stigen, uninteressanten Alltagskram (Beruf oder Familie) beschĂ€ftigen muss, den derweil freundlicher Weise der/die Betrogene abwickelt. Als betroffener Partner sollte man sich hier unbedingt nicht zu sehr in die Defensive drĂ€ngen lassen. Eifersucht hilft nichts(!!!) – aber wahren Sie ausdrĂŒcklich Ihre Interessen – das tut der andere ja ganz offensichtlich auch.

 Menschen sind fehlbar und in diesem Sinne ist der einmalige Seitensprung (nicht nur in China) auch eine menschliche Verfehlung. In der Regel fĂŒhrt er dementsprechend zu heftigen, allerdings meistens letztlich nur zeitlich begrenzten Konflikten. Wenn dagegen eine andauernde Krise erwĂ€chst (z.B. auch durch, und dann passt der Begriff auch besser, andauernde Untreue), ist die Untreue in der Regel nur AufhĂ€nger, ein Teil, ein PhĂ€nomen, nicht aber die eigentliche Ursache. Hier gibt es dann annĂ€hernd so viele Varianten der Umgangsweise, wie es FĂ€lle gibt, stark abhĂ€ngig von familiĂ€rer Situation und individuellen PrioritĂ€ten.

 Bei MĂ€nnern haben sehr, wirklich sehr viele Probleme rund um Körperlichkeit und SexualitĂ€t ihren Auslöser in „Machtfragen“ im weitesten Sinne. D.h. u.a., dass der Auslöser sehr hĂ€ufig, eigentlich meistens, NICHT primĂ€r die Partnerschaft und schon gar nicht die Partnerin ist!!

Bei Frauen ist eine VerknĂŒpfung mit tatsĂ€chlicher Unzufriedenheit in der Partnerschaft dagegen hĂ€ufiger – wenn auch in wesentlich differenzierterer Form, als es mĂ€nnliche Klischees gerne sehen. Das Thema partnerschaftliche „Befriedigung“ spielt sich definitiv nicht vorrangig im Bett ab – chinesische Frauen schicken ihre MĂ€nner daher wenn es „nur darum“ geht teilweise aus freien StĂŒcken „aus dem Haus“.

 Eines ist aber klar: Derartige Konflikte sind immer mit einem nicht zu unterschĂ€tzenden Maß an Leid verbunden – gerade unter der Vorgabe „gemeinsam“ nach China gegangen zu sein. Viel hĂ€rter kann man kaum getroffen werden.

 Partnerschaftliche Probleme sind daher vermutlich der „Krisenfaktor“, bei dem externe Beratung am meisten helfen kann. Die Außenperspektive der beratenden Person (die kein Profi sein muss!) kann hier den Abstand und die Ruhe schaffen, die in der direkten Auseinandersetzung hĂ€ufig nicht mehr angemessen zu erreichen sind. Auf dieser Basis kann nach den eigentlich kritischen Punkten gesucht und können davon ausgehend wiederum angemessene Entscheidungen getroffen werden. Und darum geht es bei Problemen in der Partnerschaft letztlich immer: Entscheidungen treffen.

  

IV. Motivation - Ich will..., wenn ich nur wĂŒsste was?

 In diesem Abschnitt geht es um die Themen Motivation, Erfolg, Zufriedenheit. Was kann ich tun, um (u.a. in Shanghai) zufrieden zu sein, mir Erfolge zu verschaffen.

 Ganz abstrakt betrachtet ist Erfolg zu haben recht einfach: Ich suche mir ein angemessenes Ziel, ich plane dessen Umsetzung, ich verfolge den Plan mit ggf. notwendigen Korrekturen, ich erreiche das Ziel, was ich wiederum als Erfolg empfinde.

Ähnlich einfach sieht es theoretisch mit der Zufriedenheit aus: Ich achte einfach darauf, dass meine BedĂŒrfnisse sich in meinem Leben angemessen wiederfinden, angemessen befriedigt werden. Um das zu erreichen bediene ich mich wieder der Grundschritte des Erfolges. Ganz einfach also. Wenn da nicht zwei ganz schwierige Fragen versteckt wĂ€ren:

 

Was ist ein „angemessenes Ziel“?

Was sind „meine BedĂŒrfnisse“?

 Beginnen wir mit letzterem Problem, der Frage nach den BedĂŒrfnissen. BezĂŒglich der BedĂŒrfnisse bedienen wir uns der Überlegung eines Vertreters der sogenannten Humanistischen Psychologie:

Die „Humanisten“ sind eine ab den 60er-Jahren in Erscheinung tretende, eher lose verbundene Gruppe von herausragenden EinzeldenkerInnen, die sich von den naturwissenschaftlich geprĂ€gten Denkweisen frĂŒherer Richtungen abwandten und – vereinfachend gesagt - statt der vermeintlich ewigen und ĂŒbergreifenden „Natur des Menschen“, eher den „Menschen in der Natur“ suchten. Das Menschliche oder „Lebendige“ sei so komplex, dass jeder vorrangig Gemeinsamkeiten, allgemeine Regeln suchende Ansatz in die Irre gehen mĂŒsse. Es gĂ€be zwar gemeinsame ZĂŒge unter den Menschen, diese seien jedoch im Einzelfall so speziell abgewandelt, dass ihre Kenntnis mehr abstrakten als praktischen Wert habe. Daher schaue man lieber gleich intensiv auf den Einzelnen. Dieser Ansatz hat vor allen Dingen nachhaltigen Einfluss auf moderne therapeutische AnsĂ€tze. Ein berĂŒhmter Vertreter ist z.B. Carl Rogers mit seiner „Familienkonferenz“.

 FĂŒr unser Thema interessanter sind die ebenfalls hohe PopularitĂ€t erlangenden Arbeiten von Abraham Maslow: dessen „BedĂŒrfnishierarchie“ sowie die dazu gehörige Motivationstheorie.

 Grob ist Maslows Ansatz so dar zu stellen: Motivation, der „Wille etwas zu bewegen“ ist die Folge eines psychischen oder physischen Ungleichgewichts, dass man ausgleichen will.

Grundformen sind die „Mangelmotivation“ und die „Wachstumsmotivation“. Eine „Mangelmotivation“ liegt vor, wenn ein grundlegendes BedĂŒrfnis nicht befriedigt ist: Der oder die Betroffene wird dementsprechend versuchen, durch Befriedigung dieses BedĂŒrfnisses den Mangel auszugleichen. Alles was dafĂŒr geeignet erscheint wird attraktiv, wird zum Motivator.

„Wachstumsmotivation“ liegt dagegen vor, wenn ein Mensch sich aus einer fĂŒr sich genommen sicheren Ausgangslage in eine Spannungssituation begibt, um sich ein neues Lebens- und Erlebensfeld zu erschließen.

Wo entstehen jedoch MĂ€ngel – und welche neuen Erfahrungsfelder gibt es? Um seiner Theorie eine klarere Struktur zu geben postulierte Maslow eine „Pyramide“ von acht BedĂŒrfnisstufen. Den Grundtenor kann man recht treffend mit Brechts: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ wiedergeben. Zuerst mĂŒssen diverse biologische GrundbedĂŒrfnisse wie Essen, Schlafen befriedigt sein. Dann versuchen viele Menschen ein gewisses Maß an existenzieller Sicherheit zu erreichen, womit dann auch die sozialen BedĂŒrfnisse eng verbunden sind. Die FĂ€higkeit, die unteren BedĂŒrfnisstufen angemessen abzusichern bestimmt in hohem Maße das Selbstvertrauen und auch den Selbstwert. Auf dieser Sicherheit aufbauend strebt der Mensch dann nach „Höherem“, Bildung, Selbstverwirklichung, Philosophie etc.. Eine Mangel in einer unteren Stufe blockiert eine Weiterentwicklung nach oben.

 Mit dieser festen Rangfolge ganz bestimmter BedĂŒrfnisformen verließ Maslow letztlich im engeren Sinne humanistische Denkweisen, versuchte schon wieder eine allgemeine Natur des Menschen zu bestimmen. Dementsprechend wurde Maslows BedĂŒrfnispyramide zu Recht immer wieder kritisiert. Der Grundansatz, dass es Motivationen mit unterschiedlicher Wertigkeit gibt und MĂ€ngel an einer Stelle Weiterentwicklungen in anderen Bereichen blockieren können, ist jedoch weithin akzeptiert.

 

Das heikle Wechselspiel unterschiedlicher BedĂŒrfnisse

 

Sie hilft Probleme zu veranschaulichen und gibt zumindest erste Anregungen, durch welche Art von AktivitĂ€ten man sich evtl. „stabilisieren“, bzw. „verbessern“ könnte.

 

Ein Beispiel:

 

FĂŒr die wohl meisten erfolgt der Umzug nach Shanghai eindeutig aus einer Wachstumsmotivation heraus: Karriere, Erfahrungserweiterung.

 â€žWachstumsmotivationen“ haben die Eigenschaft, dass sie „Mangelmotivationen“ zeitweise â€žĂŒberstimmen“ können. Um das Karriereziel zu erreichen geht man an seine physischen wie psychischen Belastungsgrenzen. Aber das geht eben nur zeitweise. Auf Dauer ist die Mangelmotivation letztlich die stĂ€rkere (Menschen bei denen das nicht der Fall ist, haben ein hohes selbst- wie fremdgefĂ€hrdendes Potential, da sie Gefahr laufen, ĂŒber psychische und physische Belastungsgrenzen hinaus zu gehen).

 In manchen FĂ€llen erweisen sich leider die Auswirkungen des Umzugs auf die unteren – treffender wĂ€re eigentlich „grundlegenden“ – BedĂŒrfnisebenen als so massiv, dass es letztlich zu keinem persönlichen Wachstum kommt, sondern vielmehr langsam aber sicher die persönlichen Reserven aufgezehrt werden – das Bankkonto ist dann das einzige, was noch wĂ€chst.

 Bin ich nur ĂŒber einen kurzen, absehbaren Zeitraum in Shanghai, mag ich diese Entbehrung um des finanziellen Gewinns wegen durchhalten, um dann daheim die FrĂŒchte auskosten zu können. Aber was ist, wenn das nicht der Fall ist, wenn mein Vertrag sehr langfristig ist, bzw. ĂŒberhaupt unklar ist, wann wieder eine gesicherte Situation eintritt, wann eine RĂŒckkehr möglich ist, wann die „Wachstumsperspektive“, die mich ursprĂŒnglich motivierte tatsĂ€chlich erfahrbar wird?

 Wenn eine Wachstumsmotivation auf einer sehr langfristigen und noch dazu wenig zuverlĂ€ssigen Perspektive aufbaut, dann mahnt Maslows Pyramide nachdrĂŒcklich zur Vorsicht. Dann muss ich umso sorgfĂ€ltiger auf die grundlegenden BedĂŒrfnisebenen achten:

 GenĂŒgend und appetitliches Essen, genĂŒgend Schlaf, gesichertes familiĂ€res Umfeld, befriedigende und anregende soziale Kontakte (dazu gehören fĂŒr die Kinder auch Schule und Freizeitmöglichkeiten). Tue ich das nicht, dann laufe ich in hohem Maße Gefahr, die fĂŒr das Wachstumsziel notwendigen Energien gar nicht aufbringen zu können: Ich mache mich und meine Familie langsam aber sicher kaputt.

 Wichtig ist es dabei insbesondere, ehrlich bei den eigenen MaßstĂ€ben zu bleiben. Wenn ich in einem Bett nicht schlafen kann, dann hilft es mir nichts, dass es fĂŒr chinesische VerhĂ€ltnisse eigentlich ganz gut ist. Wenn ich die Baustelle nebenan sehr laut finde, dann hilft es mir nichts, dass sie fĂŒr chinesische VerhĂ€ltnisse eigentlich gar nicht sehr laut ist. Und wenn die Ehe kriselt, dann hilft es erst recht nichts, vorgehalten zu bekommen, dass andere Ehepaare in der gleichen Situation viel weniger Probleme hatten – einfach weil die Situation in Wirklichkeit nie die gleiche ist!

 Die schwersten Ehekrisen entstehen, wenn die Partner sich nicht mehr trauen oder aus sonstigen GrĂŒnden nicht fĂ€hig sind, untereinander ihre wahren BedĂŒrfnisse zu Ă€ußern. Dann entstehen mit der Zeit NebenkriegsschauplĂ€tze, ErsatzkĂ€mpfe etc.. Hier muss man gerade Kindern gegenĂŒber sehr aufpassen, die unter solcher „Nicht- oder Scheinkommunikation“ massivst leiden. Seien Sie ehrlich zueinander, so lange es sich noch lohnt.

 

Gefangen im Goldenen KĂ€fig

 Gemein bei der ganzen Sache: Gelingt die Absicherung der unteren BedĂŒrfnisebenen auf diesem Weg schließlich befriedigend, fĂŒhlt sich jede/r zumindest körperlich wirklich wohl, ist der rettende Hafen leider auch noch nicht erreicht. Dann lĂ€sst sich anhand Maslow eine postwendend neu entstehende Problematik aufzeigen, der sich insbesondere mitreisende Ehepartner ausgesetzt sehen und die weiter oben schon angesprochen wurde.

 Die neuen Fragen lauten: Was nun? Wo kann ich geistige Anregung finden, wo Ă€sthetische. Wo kann ich mich verwirklichen, was gibt meinem Leben in Shanghai einen sinnvollen Rahmen?

 Wenn sich in diese Richtung fĂŒr die PartnerInnen nicht genĂŒgend tut, erweist sich die hohe Abgesichertheit, besser der Luxus des Expat-Lebens als ein wahrer Boomerang.

 Wie bei der KurzerlĂ€uterung BedĂŒrfnispyramide schon erwĂ€hnt hat der Selbstwert, das Selbstvertrauen etwas damit zu tun, in wieweit ich die Befriedigung meiner GrundbedĂŒrfnisse selbst steuern kann. Es ist schön eine Ayi zum Einkaufen schicken und mit dem Fahrer zum Coffee-Morning fahren zu können – weniger schön ist dagegen, wenn ich realisieren muss, dass ich selber mit der Aufgabe alleine auf den Markt zu gehen letztlich ĂŒberfordert wĂ€re, bzw. ich gar keinen Bus zum Hotel kenne. Weniger schön ist, wenn man merkt: Eigentlich bin ich von meinen Angestellten wesentlich abhĂ€ngiger, als die von mir (eine Erkenntnis die im ĂŒbrigen auch manchen westlichen Manager in China auf bitterste Art und Weise trifft)!

 Dann wird die Situation kritisch: Was mach ich eigentlich hier? Wenn ich weg bin lĂ€uft doch alles genauso weiter! Meinen Mann/Viele meiner Mitarbeiter sehe ich eh kaum und was der macht, wenn ich ihn nicht sehe, weiß ich auch nicht. Ich kann nicht einmal alleine einkaufen/Lieferanten anrufen. Bin ich eigentlich bescheuert? Oder aus der arbeitenden Sicht: Die lassen mich hier doch nur sitzen, weil ich das Geld mit bringen: Ansonsten machen die eh was sie wollen.

 Und so entsteht das Paradoxon, dass in Shanghai aus einer Situation gesicherten Wohlstandes oder vordergrĂŒndig beruflichen Erfolges wirklich ernstzunehmende Krisen erwachsen können.

 Maslows Ansatz ist in vieler Hinsicht ungelenk und vereinfachend, aber er mahnt nachdrĂŒcklich, sich in seinen BedĂŒrfnissen ernst zu nehmen und sehr genau in sich zu horchen, welche man tatsĂ€chlich hat. Besonders schwierig ist dabei, dass es eben BedĂŒrfnisse gibt, die den Interessen des nĂ€chsten Umfeldes widersprechen, was von manchen Menschen als unertrĂ€glich und ausweglos empfunden wird: Wir sind doch ein Paar, wir mĂŒssen doch gemeinsam (er)leben.

 

Das ist der Punkt, an dem man sich dringend an Freunde oder eben an Beratungen wenden sollte, denn tatsÀchlich sind diese Situationen nicht ausweglos, aber sehr zehrend und schwierig.

  

V. Auf zu neuen Ufern

  â€žDer Umzug nach Shanghai – ein kritisches Lebensereignis“ – das Booklet nĂ€hert sich dem Ende. Ich hoffe aber die ein oder andere Anregung gegeben zu haben und stehe gerne fĂŒr Fragen zu psychologisch-pĂ€dagogischen Themenstellungen zur VerfĂŒgung (s.u.).

 Aber - noch ein letztes Mal - zum Thema: Der erste Abschnitt hatte den Grundansatz „kritischer Lebensereignisse“ erklĂ€rt und versucht auf die Situation eines Auslandsumzuges zu ĂŒbertragen. Der zweite Abschnitt beschĂ€ftigte sich mit der Frage, wie die Eigenarten menschlicher Wahrnehmung diesen Schritt positiv, wie auch negativ beeinflussen können. Im dritten Abschnitt wurden einige spezielle Probleme kurz angesprochen. Der vierte Abschnitt drehte sich um das Thema BedĂŒrfnisse. Nun soll es darum gehen, wie Sie ganz praktisch mögliche Probleme minimieren können – völlig vermeiden lassen sich Probleme bei einem Vorgang dieser KomplexitĂ€t und Tragweite in der Regel nicht. Gerade deswegen steht ein Punkt eigentlich ĂŒber allen:

 

  1. FĂŒrsorge: Nehmen Sie sich Zeit - fĂŒr sich und fĂŒr Ihre NĂ€chsten:

 Dies ist keine Provokation gegenĂŒber den berufstĂ€tigen Partnern (oder zumindest nicht primĂ€r ;-)).
Ich bin mir des heutzutage bestehenden Drucks auf FĂŒhrungskrĂ€fte aus meiner Arbeit als Niederlassungsleiter, freiberuflicher Coach und spĂ€ter insbesondere als selbstĂ€ndiger Unternehmer sehr bewusst. Gerade deswegen möchte ich jedem, der „in verantwortlicher/leitender Position“ mit Familie nach Shanghai kommt, umso nachdrĂŒcklicher nahe legen, frĂŒhzeitig Strukturen zu schaffen, die nach allen Seiten deutlich machen, dass die Verantwortlichkeit gegenĂŒber der Firma auf der Verantwortlichkeit gegenĂŒber der eigenen Gesundheit und der Familie aufbaut - und nicht umgekehrt. Da kein Unternehmen Interesse an zehrenden Scheidungen bzw. mentalen oder gesundheitlichen ZusammenbrĂŒchen haben kann (was beides leider vorkommt), ist diese PrioritĂ€tensetzung in aller Regel auch „nach oben“ hin vermittelbar. Das heißt nicht, dass es nicht Zeiten und Gelegenheiten geben kann, bei denen die Familie zurĂŒckstecken muss und es ist auch sicher so, dass Sie als Expat in der Regel weniger Zeit zur VerfĂŒgung haben als eine Durchschnittskraft – aber es darf eben nicht immer und nicht immer nur die Familie sein, die zurĂŒcksteht!
Diese PrioritĂ€tensetzung gilt im ĂŒbrigen doppelt und fĂŒr beide Partner Ihren Kindern gegenĂŒber. Ayi, Ganztagsschule, Sportclub, Klamotten, CD’s und Spielzeug sind alle nett und hilfreich, davon abgesehen brauchen Ihre Kinder Sie aber im Ausland mehr denn irgendwo sonst ganz persönlich, und dabei - auch wenn es nicht immer so scheint - insbesondere Jugendliche!

Also planen sie hierfĂŒr bewusst Zeit (und Energie) ein.



2. Offenheit: ZunÀchst wird Shanghai Sie formen, nicht Sie Shanghai.

 Shanghai ist eine chinesische Millionenmetropole mit GegensĂ€tzen, inneren Spannungen und auch Dynamiken, die jeden, der nicht ein gewisses Maß an Offenheit und Anpassungsbereitschaft mitbringt, schnellstens und mit Nachdruck an seine Grenzen bringen kann – das gilt ĂŒbrigens innerhalb des GeschĂ€fts wie fĂŒr die HaushaltsfĂŒhrung oder Freizeitgestaltung gleichermaßen.

Wer offen an die Sache heran geht, dem wiederum bietet Shanghai eine Bandbreite an Erfahrungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, wie aktuell wohl nur wenig PlĂ€tze auf dieser Welt. Betont sei in diesem Zusammenhang wieder, dass „offen“ nicht heißt, dass man alles von vorne herein toll finden muss (ich sage nur: „chuaaarg – pfk“...). Es geht nur darum, zu versuchen sich vorstellen, dass etwas toll, zumindest aber sinnvoll sein könnte, obwohl es auf den ersten Blick fremd oder gar widerlich scheinen mag. Um beim Beispiel zu bleiben: Wir schniefen, rĂ€uspern und spucken nicht, wir putzen uns statt dessen die Nase. Mag sein, dass unser Naseputzen sozial vorteilhafter ist, aber tatsĂ€chlich ist es in den Augen vieler Mediziner ungesĂŒnder als die chinesische Variante, da wir wieder und wieder alles „mit Überdruck“ in die eigenen Nebenhöhlen pressen... . 

In diesem Sinne: Die chinesische Gesellschaft ist durch die GrĂ¶ĂŸe des Landes um ein vielfaches komplexer als die unsrige. 5000 Jahre Kulturgeschichte und die heutzutage schier endlose Spanne an parallel existierenden LebensentwĂŒrfen machen nicht jeden Chinesen per se zu einem Konfuzius – das in diesem Land mehr oder minder offensichtlich existierende Wissen ĂŒber Bedingungen und Formen menschlichen Lebens sollte man aber nie, wirklich nie unterschĂ€tzen und daher versuchen, davon zu profitieren – auch wenn der Zugang manchmal schwer fĂ€llt. Treffen Sie Menschen, suchen Sie Kontakt: Reden, reden, reden ;-)

 

3. VerstÀndigung: Vielleicht (noch...;-)) nicht die Welt, aber in jedem Fall China, spricht Chinesisch

Weil China so reich ist an EindrĂŒcken und gleichzeitig auch so fremd, sollten Sie versuchen, so direkt wie möglich Zugang zu Chinesen zu finden und dazu braucht es vor allem eines: die Sprache. Was wir vom Gastarbeiter in Deutschland erwarten, sollten wir uns in China auch zu Herzen nehmen: Auch wenn wir uns hier etwas eleganter „Expats“ nennen dĂŒrfen, die Sprache ist der eigentliche SchlĂŒssel zum Gastgeberland. Sie zu lernen ist eine kleine aber sehr wichtige Respektbezeugung.

Es gibt Menschen die jahrelange Shanghai-Aufenthalte ohne den Aufbau nennenswerter Sprachkenntnisse hinter sich bringen. Das geht – aber es gibt nur wenige, die eine solche Sprachabstinenz letztlich nicht irgendwann eindeutig bereuen. Daher: Lernen Sie so schnell und so viel Chinesisch wie Ihnen nur irgendwie möglich ist.

HĂ€ufig ist es leider weniger möglich, als man sich wĂŒnschen wĂŒrde: Chinesisch zu lernen bleibt auch fĂŒr Sprachtalente eine echte Herausforderung, bei der man wirklich Biss braucht. Als zu lernenden Dialekt wĂŒrde ich auch in Shanghai eindeutig die Amtssprache „Mandarin“ (chin.: Putong-Hua) empfehlen.

 

4. AktivitĂ€t: So nett der Expat-Package-Rundumservice sein kann – passen Sie auf, dass es in Ihrem Leben genĂŒgend Felder gibt, die Sie selbst gestalten.

 Wie gesagt, Ayi, GĂ€rtner, Fahrer & Co. sind nett, aber auch Angestellte sind Menschen die Eigenheiten haben können. Angestellte schaffen Freiheit, schrĂ€nken Sie in Ihrem Alltag durch ihre Anwesenheit und eine stets verbleibende Restunsicherheit, ob wirklich das passiert, was man eigentlich wollte, aber auch gleichzeitig in nicht zu unterschĂ€tzender Art und Weise ein.

Manche Menschen – gerade Frauen - wĂ€ren in Shanghai vermutlich glĂŒcklicher und ausgeglichener, wenn sie einen Deut weniger um- und versorgt wĂ€ren – auch weil man sich in so einem „goldenen KĂ€fig“ letztlich schnell „ent-„sorgt fĂŒhlt... (mal ganz davon abgesehen, dass sich die Haltbarkeit manchen KĂŒchengerĂ€tes oder WĂ€schestĂŒckes, die nicht selten Zielpunkte unausgetragener Konflikte mit der Ayi werden, vermutlich wesentlich verlĂ€ngern wĂŒrde).

Es geht hier nicht darum, Haushaltshilfen generell abzuschaffen. FĂŒr diese geht es in der Regel um gute Jobs, fĂŒr uns um erhebliche Alltagserleichterungen. Es geht aber darum, bei diesem Thema von dem „all-inclusive-weil-sie-nunmal-da-ist“-Ansatz weg zu kommen, sich bewusster mit Grenzen und Möglichkeiten dieser Seite des Lebens in Shanghai auseinander zu setzen.

Eine wichtige Grenze dabei ist, dass eine chinesische Ayi – so sie nicht schon lĂ€ngere „Westler“-Erfahrung hat – deutlich andere Vorstellungen von HaushaltsfĂŒhrung hat und zudem die wenigsten westlichen HaushaltsgerĂ€te ausreichend kennt. An diesem Punkt wird die Wichtigkeit des eigenen Sprachtrainings noch einmal besonders deutlich. So verstĂ€ndlich der Wunsch nach englischsprachigem Personal ist, er hat auch eine klare Kehrseite: Chinas Hausangestellte sind so gĂŒnstig, weil sie gering qualifiziert sind und wenig andere Perspektiven haben. Eine Ayi, die gut Englisch kann, wird verstĂ€ndlicher Weise bald nach Höherem streben. Kurz: Wer so etwas will, muss mit einem ganz anderen Budget planen.

Wenn man sich aber eben ein wenig selber bewegt, kann auch die „rein chinesische Ayi“ zur großen Bereicherung werden:

Man kann mit der Ayi Kochen lernen, von (so es mehrere sind) allen Angestellten viel ĂŒber das Leben in China erfahren und dabei – wenn ein Grundwortschatz mal da ist - deutlich gĂŒnstiger und alltagsnĂ€her als in Schulen sein Chinesisch trainieren. Die manchmal beĂ€ngstigende Distanzlosigkeit der Chinesen Kindern gegenĂŒber wandelt sich in der engeren Beziehung hĂ€ufig zu wirklich fĂŒrsorglicher Herzlichkeit.

Das oben Beschriebene geht leider nicht mit allen chinesischen Angestellten. Es gibt – Qualifikation hin oder her – schlicht Muffel. Dann sollten Sie schnellstens ĂŒber Ersatz nachdenken, denn man hat mit seinen Hausangestellten viel zu engen Kontakt, als dass man sich hier dauerhaft Konflikte leisten könnte. Das zehrt richtig – dann lieber keine!

 

Das Thema dieses Absatzes war AktivitĂ€t, und AktivitĂ€t geht natĂŒrlich noch deutlich weiter, als seine Hausangestellten zu organisieren. Es bedeutet öffentliche Verkehrsmittel auszuprobieren, um unabhĂ€ngiger zu werden. Es bedeutet selbst auf den GemĂŒse-MĂ€rkten einzukaufen. Es bedeutet ĂŒber „That’s“, „CityWeekend“ und Expat-Magazine wie den (sehr empfehlenswerten) SEA-„Courrier“ und eben auch den „Postillion“ des Deutschen Clubs nach Interessensgemeinschaften und Freizeitmöglichkeiten zu suchen usf.. Leben Sie, lassen Sie sich nicht leben und lassen Sie sich vor allem nicht durch Chaos und Ausmaß dieser Stadt einschĂŒchtern. Shanghai ist gewaltig, aber fĂŒr AuslĂ€nder daneben eine der sichersten GroßstĂ€dte der Welt, was enorme zusĂ€tzliche ErlebnisrĂ€ume schafft, auf die Sie jedoch selbst zugehen mĂŒssen. Der Deutsche Club hofft dabei einfach eine Hilfe sein zu können und sei es nur als Forum des gegenseitigen Austausches.

 

 

Allen eine gute Zeit.

 

 

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